Niko Paech: Wege aus der Wachstumsdiktatur

[erschienen in: Welzer, H./Wiegandt, K. (Hrsg.): Wege aus der Wachstumsgesellschaft,
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M., 2013, S. 200-219.]
Grundlagen der Postwachstumsökonomie: Wie werden wir zukünftig leben?

Aktuelle Bemühungen, die Gesellschaft nachhaltiger zu gestalten, zielen auf eine ökologische Modernisierung, stellen wirtschaftliches Wachstum also nicht in Frage. Technischer Fortschritt, so die Hoffnung, könnte die ökologischen Probleme des heutigen Wirtschaftens ohne mühevolle Umstellungen und Anspruchsmäßigungen lösen. Diese Ideologie liefert ein nahezu perfektes Alibi dafür, den Wandel zum Weniger auf unbestimmte Zeit aufzuschieben oder gar als unnötig abzulehnen. Bedauerlicherweise sind es viele der Effizienz-, Energiewende- oder sonstigen „Green New Deal“-Innovationen, die den materiellen Raubbau intensivieren, indem sie bislang verschont gebliebene Naturgüter und Landschaften einer „grünen“ Verwertung zuführen.
Wachstumsdämmerung

Die derzeit häufig gestellte Frage, ob eine Ökonomie jenseits weiteren Wachstums wünschenswert, politisch durchsetzbar oder vereinbar mit modernen Vorstellungen von individueller Selbstverwirklichung wäre, verweist auf eine Gespensterdebatte, so als sei das Wachstumsregime prinzipiell noch fortsetzbar. Was bestenfalls noch wachsen kann, ist die Gewissheit darüber, dass weitere Steigerungen des Bruttoinlandsproduktes (BIP) aus mindestens vier Gründen keine Option mehr sind. Erstens scheitert Wachstum absehbar an Ressourcenengpässen (Heinberg 2007), zweitens verringert es nicht per se Verteilungsdisparitäten (Paech 2008), drittens sorgt es nach Erreichen eines bestimmten Wohlstandsniveaus für keine Glückszuwächse (Layard 2005) und viertens ist es nie ohne ökologische Schäden zu haben (Paech 2012). Auf den letztgenannten Aspekt soll im Folgenden eingegangen werden, um daran anknüpfend die Konzeption der Postwachstumsökonomie zu skizzieren.
Sollte es jemals gelingen, Produktionssysteme zu etablieren, deren Output ohne Zuwachs an bisherigen oder neuen Umweltschäden permanent gesteigert werden kann, wäre damit die hinreichende Bedingung für ökologische Nachhaltigkeit längst nicht erfüllt. Denn so würde nur ein inzwischen mehrfach zu hohes Schadensniveau stabilisiert. Unabdingbar wäre hingegen eine absolute Entlastung der Ökosphäre. Die in Deutschland pro Kopf anfallende CO2-Menge von durchschnittlich etwa 11 Tonnen müsste, um das Zwei-Grad-Klimaschutz-Ziel zu erreichen, auf deutlich unter drei Tonnen gesenkt werden. Aber selbst die abgeschwächte Bedingung für sog. „grünes“ Wachstum, nämlich in einer weiterhin wachsenden Ökonomie lediglich zusätzliche Schäden zu vermeiden, würde zwei simultan zu lösende Entkopplungsprobleme heraufbeschwören: Steigerungen des BIP weisen eine materielle Entstehungsseite (zusätzliche Produktion) und eine finanzielle Verwendungsseite (das durch die Produktionssteigerung zusätzliche Einkommen) auf. Beide Wirkungen müssten ökologisch neutralisiert werden.
Auch „grüne“ Industrieproduktion ist nicht zum ökologischen Nulltarif zu haben Grünes Wirtschaftswachstum setzt die Herstellung zusätzlicher Gütermengen voraus, deren Produktion, physischer Transfer, Nutzung und Entsorgung keine Flächen-, Materie- und Energieverbräuche verursachen dürfte. Alle bisher ersonnenen und erprobten Green Growth-Lösungen verfehlen diese Eigenschaft allzu offenkundig; ganz gleich ob es sich dabei um Passivhäuser, Elektromobile, Ökotextilien, Photovoltaikanlagen, Bio-Nahrungsmittel, Offshore-Anlagen, Blockheizkraftwerke, Smart Grids, solarthermische Heizungen, Cradle-to-cradle-T-Shirts, Carsharing, digitale Services etc. handelt. Nichts von alledem kommt ohne physischen Aufwand, neue Produktionskapazitäten, hochgradig materielle Infrastrukturen und Transporte aus.
Gegen dieses Problem wir oft vorgebracht, dass die vergleichsweise nachhaltigeren Produkt- oder Technikkreationen den bisherigen Output einfach ersetzen könnten, statt addiert zu werden. Aber die Substitution materieller Flussgrößen (z.B. Kohle- gegen Ökostrom) vermeidet bei ganzheitlicher Betrachtung nicht notwendigerweise zusätzliche Schäden, solange dies mit einem Wachstum an materiellen Bestandsgrößen und Flächenverbräuchen (z.B. eine flächendeckende Verbreitung von Anlagen zur Nutzung erneuerbarer Energien) erkauft wird. Es dürfte physikalisch unmöglich sein, die Materie ganzer Industrien, Infrastrukturen und Immobilienkomplexe ökologisch neutral – also ohne massive Entsorgungsprobleme und Energieverbräuche – einfach verschwinden zu lassen.
Hinzu kommt ein zweites Dilemma: Das BIP kann nicht dauerhaft wachsen, wenn jedem „grünen“ Gewinn an Wertschöpfung ein Verlust infolge des Rückbaus alter Strukturen entgegensteht. Der Saldo ist sogar mit hoher Wahrscheinlichkeit negativ. Dies lässt sich exemplarisch an der deutschen „Energiewende“ nachzeichnen. Die von der Green Growth-Gemeinde bestaunten Wertschöpfungsbeiträge der erneuerbaren Energien entpuppen sich bei genauerer Betrachtung als Strohfeuereffekt. Wenn nämlich der momentan boomende Kapazitätsaufbau (zum Beispiel durch den Bau neuer Windkraftanlagen) abgeschlossen ist, reduziert sich der Wertschöpfungsbeitrag auf den reinen Energiefluss; dieser aber ist mit vergleichsweise wenig das BIP steigernden Aktivitäten verbunden (kein Bau neuer Anlagen, nur noch Wartung und gelegentliches „Repowering“). Permanent gesteigert werden könnte die Wertschöpfung nur dann, wenn die Produktion neuer Anlagen ohne Begrenzung fortgesetzt würde. Aber dann drohen neben steigenden Stromverbräuchen, die noch mehr elektrifizierte Geräte speisen würden, weitere Umweltschäden: Die schon jetzt prägnanten Landschaftszerstörungen nähmen entsprechend zu, weil die materiellen Bestandsgrößen expandieren.
Die sog. „Energiewende“ verweist auf eines der Kernprobleme grüner Wachstumsträume, nämlich eine Vielfalt kaum abschätzbarer materieller Verlagerungseffekte: Alle bekannten grünen Technologien lösen keine ökologischen Probleme, sondern transformieren diese nur in eine andere physische, räumliche, zeitliche oder systemische Dimension. Die Versuche, eine ökologische Entlastung mittels grüner Innovationen empirisch nachzuweisen, sind somit nur brauchbar, wenn alle Verlagerungseffekte berücksichtigt wurden. Aber selbst wenn dies gelingt: Wie sollen die (theoretischen) CO2-Einsparungen einer modernen, getriebelosen Windturbine mit den Landschaftszerstörungen und dem hoch radioaktiven Thorium in China, das bei der Produktion von Neodym für die Permanentmagneten entsteht, saldiert werden? Worin besteht hier der Fortschritt?
„Grüner“ Gewinn und schmutziger Konsum

Auch wenn Produktionszuwächse eingedenk aller Verlagerungseffekte ökologisch unbedenklich wären (was unter Einhaltung physikalischer Gesetze kaum möglich erscheint), müssten die damit erwirkten Einkommenszuwächse ebenfalls ökologisch unbedenklich verwendet werden. Aber wie könnte erreicht werden, dass jene Konsumenten, die das in den grünen Branchen zusätzlich erwirtschaftete Einkommen beziehen, völlig auf Güter verzichten, in deren Produktion fossile Energie und andere Rohstoffe einfließen. Würden diese Personen keine Eigenheime bauen, nicht mit dem Flugzeug reisen, kein Auto fahren und keine der üblichen Konsumaktivitäten in Anspruch nehmen – und zwar mit steigender Tendenz, wenn das verfügbare Einkommen wächst?
Ein zweiter negativer Effekt droht, wenn grüne Investitionen den Gesamtoutput erhöhen, weil die alten Produktionskapazitäten nicht im selben Umfang zurückgebaut werden können (das Stromangebot steigt durch Photovoltaik- und Windkraftanlagen). Dies würde tendenziell Preissenkungen verursachen und folglich abermals die Nachfrage erhöhen. Ein solcher finanzieller „Rebound-Effekt“ kann auch dann eintreten, wenn Effizienzerhöhungen die Betriebskosten bestimmter Objekte (Häuser, Autos, Beleuchtung etc.) reduzieren und somit das verfügbare Einkommen erhöhen. Solche Effekte ließen sich nur vermeiden, wenn Einkommenszuwächse des grünen Wachstums abgeschöpft würden. Aber was könnte absurder sein, als Wachstum zu erzeugen, um die beabsichtigte Einkommenssteigerung im selben Moment auszulöschen?
Obendrein beschwört die Green Growth-Strategie ein moralisches Problem herauf, insoweit deren Protagonisten auf zukünftig zu erwartende Innovationen verweisen, welche die zuvor genannten Probleme lösen sollen: Das Schicksal der Menschheit würde auf Gedeih und Verderb von einem technischen Fortschritt abhängen, der bis heute nicht eingetreten ist und dessen zukünftiges Eintreten unbeweisbar ist – ganz zu schweigen davon, dass er womöglich mehr zusätzliche Probleme erzeugt, als er zu lösen imstande ist. Ist ein solches Roulette, das nicht aus Not, sondern allein um der Mehrung eines schon jetzt überbordenden Wohlstandes willen erfolgt, verantwortbar?

By design or by desaster – eine Wirtschaft ohne Wachstum lässt sich nicht abwenden

Wenn eine Entkopplung des BIP von ökologischen Schäden systematisch fehlschlägt, verbleibt als Ausweg nur die schrittweise Reduktion industrieller Produktionssysteme und deren teilweiser Ersatz durch Versorgungssysteme, die ohne Wachstum und auf einem ökologisch verantwortbaren Niveau stabilisiert werden können. Davon einmal abgesehen: Reduktive Anpassungen des globalisierten Industriesystems dürften durch instabile Finanzmärkte und absehbare, historisch einmalige Ressourcenverknappungen ohnehin auf der Agenda stehen. Sich darauf im Sinne ökonomischer und sozialer Resilienz, also zwecks Erlangung von Krisenstabilität vorzubereiten, bildet eine Intention der „Postwachstumsökonomie“ (Paech 2012). Dazu zählen erstens eine Dämpfung von Konsum- und Mobilitätsansprüchen (Genügsamkeit, Entschleunigung, Sesshaftigkeit) und zweitens kleinräumige, graduell sogar deindustrialisierte Produktionssysteme (Subsistenz, Regionalökonomie, Restindustrien mit kürzeren Wertschöpfungsketten).
Die erstgenannte Strategie liefe auf eine Kultur der Suffizienz, also Entrümpelung hinaus. So könnten übervolle Lebensstile von all jenen energiefressenden Komfortkrücken befreit werden, die ohnehin nur geld- und wachstumsabhängig machen. Eine reizüberflutete Konsumsphäre beschwört systematisch Überforderungen herauf, weil sie eine nicht vermehrbare menschliche Ressource aufzehrt, nämlich Aufmerksamkeit und folglich Zeit. Durch den Abwurf von Wohlstandsballast wäre es wieder möglich, sich stressfrei auf das Wesentliche zu konzentrieren, statt im Hamsterrad der käuflichen Selbstverwirklichung zusehends orientierungslos zu werden.
Die Subsistenzstrategie (Subsistenz = Selbstversorgung) gründet darauf, einen Kompromiss zwischen industrieller Fremdversorgung und Eigenarbeit zu finden. Wer lediglich 20 Stunden pro Woche dem Gelderwerb nachgeht, könnte als Prosument (= Produzent + Konsument) Subsistenzleistungen erbringen, die das monetäre Einkommen ergänzen. Geeignete Formen einer modernen Selbstversorgung erstrecken sich erstens auf Eigenproduktion (zum Beispiel in Gemeinschaftsgärten), zweitens auf eigenständige Reparatur sowie drittens auf die gemeinschaftliche Nutzung von Gebrauchsgütern. Insbesondere die beiden letztgenannten Bereiche ließen sich mit einer intelligenten, merklich verkleinerten Industrie verzahnen.
Langlebige, reparable und anpassungsfähige Produktdesigns würden Prosumenten dazu befähigen, mittels handwerklicher Kompetenz, eigenem Zeitinput und sozialer Vernetzung einen halbierten Industrieoutput so zu „veredeln“, dass auf keine Konsumfunktion verzichtet werden müsste. Wer sich beispielsweise mit seinem Nachbarn eine Digitalkamera und einen Rasenmäher teilt, trägt zur Halbierung des Bedarfs dieser Güter bei. Derselbe Effekt ließe sich erzielen, wenn zum Beispiel Textilien, Fahrzeuge, Möbel oder Elektrogeräte achtsam behandelt und die wichtigsten Reparaturen selbst ausgeführt werden würden, so dass sich deren Nutzungsdauer verdoppelte.

Unternehmen in der Postwachstumsökonomie

Viele der nach Ausschöpfung aller Suffizienz- und Subsistenzspielräume verbleibenden Bedürfnisse ließen sich in regionalen Ökonomien befriedigen. Regionalwährungen könnten Kaufkraft an die Region binden. Die Vorteile einer geldbasierten Arbeitsteilung blieben innerhalb eines deglobalisierten und krisenresistenteren Rahmens erhalten. Darüber hinaus werden manche Bedürfnisse nur durch weiterhin überregionale Industrieproduktion zu befriedigen sein. In einem etwa um 50 Prozent reduzierten und graduell durch Regional- und Lokalökonomien substituierten Industriesystem würde die Neuproduktion von Gütern, die im Übrigen fern jeglicher geplanten Obsoleszenz, also langlebig und reparaturfreundlich sein müssten, eine untergeordnete Rolle spielen. Der Fokus läge auf dem Erhalt, der Um- und Aufwertung vorhandener Produktbestände, etwa durch Renovation, Optimierung, Nutzungsdauerverlängerung oder -intensivierung. Klassische Produzenten würden durch Anbieter abgelöst, die an Reparatur, Instandhaltung und Optimierung orientiert wären. Im Rahmen eines „Prosumenten-Managements“ könnten Unternehmen Kurse oder Schulungen anbieten, um Nutzer dabei zu unterstützen, Produkte instand zu halten, zu warten und zu reparieren. Damit wird die Befähigung zur Subsistenz zu einer Unternehmensaufgabe. Dies senkt die Kapitalintensität der Wertschöpfung, weil arbeitsintensivere Verrichtungen dazu verhelfen, einer geringeren Produktionsmenge mehr Nutzenpotenziale zu entringen.
Infolge eines reduzierten Bedarfes an neuer Produktion würde weniger Einkommen, also auch weniger Arbeitszeit benötigt, so dass damit genau jene Zeitressourcen freigesetzt würden, aus denen sich eine moderne Existenz als Prosument/in speisen könnte. Der nötige Rest an industrieller Neuproduktion würde sich darauf beschränken, Güter zu ersetzen, die nach Ausschöpfung aller nutzungsdauerverlängernden Maßnahmen – durch Prosument/innen, regionale Handwerksbetriebe und moderne Dienstleister – behutsam zu entsorgen sind. Eine solche Ökonomie, die ein nicht expandierendes materielles Versorgungsniveau erhält, pflegt und behutsam erneuert, wäre als „statisch“ zu charakterisierten, würde aber nicht per se technischen Fortschritt unterbinden. Denn in die wenigen, erst nach langen Nutzungsphasen zu ersetzenden Objekte könnten zwischenzeitlich eingetretene Resultate von Forschung und Entwicklung einfließen.
Der Weg in die Postwachstumsökonomie ist vorgezeichnet, wenn nicht „by design“, das heißt proaktiv und vorsorglich gestaltend, dann eben „by desaster“, nämlich spätestens wenn globalisierte Fremdversorgungssysteme partiell kollabieren, etwa infolge fortschreitender Ressourcenverknappungen, Verschärfungen des Klimawandels, psychologischer Krisen (Reizüberflutung, Lernunfähigkeit infolge grassierender Aufmerksamkeitsdefizite, Burn-Out, Depression) oder absehbarer Zusammenbrüche des Finanzsystems. Aber diese Krisen bieten eben auch die einmalige Chance, das Wachstumsregime zu überwinden. Das Wirtschaften und Leben in der Postwachstumsökonomie mag zwar von materieller Genügsamkeit und Sesshaftigkeit – Glück ohne Kerosin – geprägt sein, ist aber krisensicherer, verantwortbar und vor allem stressfreier.
Natürlich würden die Entscheidungsträger in den Parlamenten politischen Selbstmord begehen, wenn sie über Schritte in Richtung Postwachstumsökonomie auch nur laut nachdenken würden. Deshalb bildet die dezentrale und autonome Entwicklung vieler Rettungsboote die weitaus realistischere Strategie. Mit den hierzu nötigen Übungsprogrammen könnten Unternehmen und Konsumenten bereits jetzt beginnen, nicht zuletzt auch im Sinne eines wohlverstandenen Selbstschutzes, um überlebensfähiger angesichts multipler Kollapsrisiken zu werden. Aber: Wenn solchermaßen postwachstumstaugliche Lebens- und Wirtschaftsstile zu häufig und von zu vielen Akteuren vorsorglich praktiziert werden, besteht die Gefahr, dass die herauf dräuenden Krisen am Ende vermieden werden. Das wäre viel zu radikal.

Literatur
Heinberg, R. (2007): Peak Everything, Gabriola Island, New Society Publishers.
Layard, R. (2005): Die glückliche Gesellschaft, Campus, Frankfurt a.M.
Paech, N. (2008): Regionalwährungen als Bausteine einer Postwachstumsökonomie, in: Zeitschrift für Sozialökonomie 45, 158-159/2008. S. 10-19.
Paech, N. (2012): Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie, Metropolis, Marburg.
Autor:
Prof. Dr. Niko Paech ist außerplanmäßiger Professor am Lehrstuhl für Produktion und Umwelt an der Universität Oldenburg.
Kontakt: niko.paech@uni-oldenburg.de
Redaktion:
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Impulstag – anders herum denken am Sonntag, 31. Jan 16

Nach den erfolgreichen Ausstellungseröffnungen des Projektes „anders herum denken“ in Nürnberg und Fürth am 16. und 17. Januar 2016 folgt nun der „Impulstag zur geistigen Anregung“.
In über 70 Beiträgen der Bürger ist bis jetzt schon aufgeschrieben worden, was in unserer Gesellschaft „anders herum gedacht“ werden soll. In Fürth wurden sie bereits gegen die Pappschachteln getauscht – in Nürnberg noch nicht, da die Installation auf der Glasfassade des Künstlerhauses noch ein paar Tage dieses Erscheinungsbild behalten soll.
Beim „Impulstag zur geistigen Anregungen“ in der kunst galerie fürth stehen verschiedene Aktionen und Vorträge auf dem Programm, die Impulse geben können, wie unser Leben, Denken und Handeln anders herum gedacht werden kann.   So wird es unter anderem ein Bericht über die Kunst in Syrien, ein Vortrag über Foodsharing oder Berichte über unterschiedliche, alternative Wohnformen geben. In den Pausen zwischen den einzelnen Blöcken soll aber immer wieder der Gedankenaustausch der Besucher im Vordergrund stehen und das gemeinsame anders herum Denken durch die erlebten Impulse gefördert werden.

Ablauf Impulstag zum Projekt Anders herum denken:

ab 15 Uhr

  • Einführung Anders herum denken – mit Pippi Langstrumpf Lied
  • Bericht über die Gemeinschaft Tempelhof – Roman Huber
  • Bericht über die Kunst in Syrien – Englischer Vortrag
  • Sensen Performance – Stuff Klier
  • Food sharing Vortrag und Imbiss: Suppe

Pause

ab 17 Uhr

  • Tauschring Vortrag
  • Zukunftswerkstatt / Workshop City Center – Eva Göttlein, Melanie Diller, Alexandra Pashalidis, Margarete Weidinger, Franziska Schmidt
  • Bioladen Vortrag
  • Kurze Beschreibung Butter „anders herum denken“

Pause

ab 18.30 Uhr

  • Prof. Dr. Niko Paech (Prof. der Wirtschaftswissenschaften an der Universität Oldenburg): Vortrag „Abschied von der Wachstumsideologie“
  • Schauspieler des KULT-Ensembles lesen „anders herum gedachte“ Texte
  • Margarete Weidinger: Vortrag über Wohnformen
  • anschließend: Film Vorführung

 

Fotos © Rudi Ott, www.rudi-ott.de

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Jutta Czurda – Gedanken zur Ausstellungseröffnung von ANDERS HERUM DENKEN

Nemmoklliw Chilzreh ….herzlich willkommen. Als Kind funktionierte das. Wir hatten unsere eigene Sprache, eine Geheimsprache, die uns als verschworene Gemeinschaft zusammenschweißte. Wir lasen die Worte von hinten nach vorne. Das waren die Stunden in denen wir uns wie Pippi Langstrump fühlten: stark, verwegen, ungehemmt, lustig, rebellisch und unbeeindruckt von Autoritäten. Damals im braven Anpassungs-Modus der späten 50er wußten wir noch nicht, daß wir den Aufstand probten – in unsrem geschützten Kinderland – wo wir für ein paar Stunden die Worte – und somit die Welt um uns herum – anders herum lasen.

Anders herum lesen, anders herum denken. Hinterfragen, wagen. Umdrehen, umwenden, umstürzen. Ausbrechen: aus MUSTERN, Denkmustern, Lebensmustern, Gesellschaftsmustern. WERFEN! Entwerfen einer anderen Welt. Hinterfragen, hinter die Fragen sehen, in Frage stellen – uns, unsere Gewohnheiten.
FORDERN, herausfordern, fördern. Befördern, einen anderen Blickwinkel. Anders, ändern, ver-ändern: unsere Perspektive. Per-spec-tive, durch-schauen: unsere Haltungen durchschauen. Haltung annehmen, eine andere Haltung einnehmen, halten, anders ver-halten, andere……. halten. Andere würden sich vielleicht anders ver-halten, wenn wir ein-ander hielten, uns alle gegenseitig beim Anders-Herum-Denken zu-hörten und uns beim Anders-Sein zu-sähen und dann, dann vielleicht…. mit-ein-ander: anders.

Aber warum alles auf den Kopf stellen? Muß das sein? UNS geht’s doch gut. MIR geht’s gut. Ich brauche Vertrautes, Gewachsenes. Langsam mit die Pferde! Gemäßigte Veränderung. Is doch gut so! Wäre da nicht so…so ein…Unbehagen. Spürte ich es nicht… bröckeln, rieseln, wanken, stürzen… die Meinungen, die Überzeugungen, die Systeme, die -ISMEN. Unbehagen seit ich denken kann, daß das da alles immer so weiter wachsen kann. Weise große Männer, an großen Tischen, auf großen Fotos und noch größeren Bildschirmen lächeln mich an, verbreiten Zuversicht, andere schreien Verzicht, andere flüstern Kathastrophen! ….hmm……ich….nein, wir…..anders eben….. anders herum:

– Rückwärts in einen Raum hineingehen
– Sich auf den Kopf stellen
– Mit geschlossenen Augen durch eine Ausstellung geführt werden
– Jemanden….

– auf jemanden zu
– gehen
– zu-sammen
– tragen
– zu-träglich
– ein-ander
– an-ders

so

Wie – so
Wie
Wie
Wieder
nicht wieder
neu
anders jetzt
zu-sammen
jetzt
mit-ein-ander-anders

JETZT!

Jutta Czurda

 

Fotos © Rudi Ott, www.rudi-ott.de

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ANDERS HERUM FILMEN

 

Die Kollegen von Einzigartig Productions (https://www.facebook.com/einzigartigproductions/) begleiten die verschiedenen Stationen unseres Projekts mit der Kamera. Im Film sieht man das Geschehen rund um die Boxen, eine Performance-Aktion des Jugendclubs Fürth und „anders herum gedachte“ Interviews mit Passanten. Hierbei durfte auf die gestellten Fragen nur mit Pantomime, Gestik und Mimik antworten. Der zweite Teil ist schon in Arbeit!

Über die Künstler:
Unter dem Motto „Alles ist Kunst, bzw. es ist Kunst, etwas als Kunst zu verkaufen“ haben sich Simon Haendl und Katharina Largé zusammengeschlossen, um auf selbstironische Art und Weise Kunst zu behaupten.

HÖHLEN GESCHICHTE – gerissen erzählt, für Kinder & Erwachsene

Idee & Spiel:   Johannes Volkmannhoehlengeschichte_800px
Musik:             Jost Hecker
Regie:              Felix Freude (11 Jahre), Barbara Mayr (12 Jahre)
Dauer:             50 Min
Für Kinder ab 6 Jahre und Erwachsene

„Ich sehe was, was du nicht siehst…“
Mit diesem Kinderspiel beginnt das Theater … rund um unser tägliches Theater verschiedener Sehgewohnheiten.

Es ist ein Spiel mit Bildern.

„Darf ich vorstellen, das ist Platon“. (ein Tischtennisschläger mit Gesicht erscheint)
„Und das sind seine Gedankenspiele“. (ein Tischtennisball hüft auf und ab)

Die Inszenierung wagt den Spagat zwischen der philosophischen Frage des Höhlengleichnisses von Platon und dem kindlichen Spiel.
Lustig, sinnlich und phantasievoll entstehen Schattenbilder auf einer großen Papierwand, die von dem Gleichnis in der Höhle berichten. Dort leben Menschen die nur die Schattenbilder kennen, sonst nichts. Deshalb glauben sie, diese Schatten seien das wirkliche Leben.

Doch dann erstrahlt die Bühne im neuen Licht. Ein Mensch tritt aus der Höhle heraus und erkennt den Zusammenhang – Licht und Schatten gehören zusammen! Die anderen Menschen in der Höhle sehen das jedoch anders…

Die Inszenierung lebt durch die Einfachheit ihrer Erzählweise und überrascht durch die verblüffende Vielfalt der optischen Bilder. Das aufgespannte Papier ist die Bühne auf dem sich die Höhlen Geschichte entwickelt und augenzwinkernd nachfragt: In welcher Höhle leben wir eigentlich?

„Philosophie für Kinder – Nr.2“ knüpft an der Inszenierung „KUGELMENSCHEN – ein gerissenes Stück Philosophie“ an, und sucht einen spielerischen Umgang mit philosophischen Gedanken. Die Inszenierung ist unter der Regie von Kindern entstanden.

Das Papiertheater experimentiert zwischen bildender und darstellender Kunst. Die Inszenierungen und Projekte wurden weltweit eingeladen und erhielten etliche Preise.

http://www.dasPapiertheater.de

Ein Interview mit mir selbst – Johannes Beissel im Gespäch mit Johannes Beissel über ANDERS HERUM DENKEN

Johannes Beissel Regisseur und Theaterpädagoge Stadttheater Fürth
Johannes Beissel
Regisseur und Theaterpädagoge Stadttheater Fürth

Johannes Beissel, Theaterpädagoge am Stadttheater Fürth und neben Johannes Volkmann (Papiertheater) und Thomas Stang (Künstlerische Leitung KULT) einer der drei Verantwortlichen für „anders herum denken“  interviewt sich selbst und versucht das „anders herum denken“  – das eigene wie das der Leser – ein wenig auf Touren zu bringen.

Was ist eine Gesellschafts-Inszenierung? gnureinezsnI-stfahcslleseG enie tsi saW? „anders herum denken“ ist in zweierlei Hinsicht eine Gesellschafts-Inszenierung: Auf der einen Seite sollen  möglichst viele Mitglieder unserer Gesellschaft –  Menschen aus Nürnberg und Fürth  – zur Mitwirkung eingeladen und selbst aktiv werden. Für diese aktive Mitwirkung bietet das Langzeit-Projekt mehrere Möglichkeiten: Im ersten Schritt stehen zum Beispiel  vom 1. Januar an  drei Wochen lang in der Fürther Innenstadt vor dem Theater und am Drei-Herren-Brunnen ganz spezielle Briefkästen. Dort kann jede Bürgerin und jeder Bürger leere, saubere Verkaufsverpackungen aus Pappe abgeben, die im weiteren Verlauf des „anders herum denken“-Prozesses in „Kunst“ transformiert werden.  In Nürnberg stehen ebenfalls zwei dieser Briefkästen – einer vor dem Künstlerhaus in der Nähe des Hauptbahnhofs, der andere am Hauptmarkt.

Auf der anderen Seite soll unsere Gesellschaft anders inszeniert, zumindest anders gedacht werden. „Anders herum denken“ ist  also eine Art „Welt- und Gesellschafts-Verbesserungs-Projekt“ und bekennt sich dazu ganz ausdrücklich.

Um die Leser nicht jetzt beim Lesen schon zu ver-rückt zu machen, verzichte ich zwar darauf, meine Antwort wie oben in der Frage sprachlich anders herum zu formulieren, wobei das Ver-rücken von Wahrnehmung und Einstellungen zu unserem gesellschaftlichen Zusammenleben dennoch das ernst gemeinte zentrale Anliegen des Projekts „anders herum denken“ ist.

Was geschieht mit den Papp-Schachteln, die in den Briefkästen abgegeben werden? Zuerst werden sie  allesamt umgestülpt und mit den Buchstaben „Anders herum denken“ bestempelt. Dann entstehen aus diesen umgedrehten, bestempelten Schachteln interaktive Ausstellungen in der kunst galerie fürth so wie in den Fenstern der Tourist Information Nürnberg. Die Ausstellungseröffnungen finden am Samstag, 16.1. um 17 Uhr in der kunst galerie fürth und einen Tag drauf, ebenfalls um 17 Uhr in Festsaal des Künstlerhauses Nürnberg statt. Die Ausstellungen laufen dann bis Mitte Februar. In dieser Zeit sind alle Besucher der Ausstellungen eingeladen, anders herum gedachte Gedanken auf Papierbahnen zu schreiben und im Tausch dafür einzelne umgedrehte Schachteln mitzunehmen. Die umgedrehten Schachteln werden also immer weniger, die schriftlich fixierten anders herum gedachten Gedanken der Ausstellungsbesucher immer zahlreicher. Am 31.1. von 15 bis 20 Uhr findet dann begleitend zur Ausstellung noch ein „Impulstag zur geistigen Anstiftung“ in der kunst galerie fürth statt, an dem konkrete Beispiele für ein „anders herum denken“ zu erleben sein werden, vorgetragen unter anderem vom Wirtschaftsprofessor Nico Paech, der eine Alternative zur Wirtschafstswachstums-Doktrin ausführt und von Roman Huber, einem der Gründer der Lebensgemeinschaft Schloss Tempelhof, um nur zwei zu nennen.

 Und wie geht es dann nach der Ausstellung weiter?

Näher ausgeführt wird das erst in einer der nächsten Bretterberichts-Ausgaben, aber an dieser Stelle sei schon verraten, dass aus den „anders herum gedachten“ Texten ein Theaterabend entstehen wird, der von einem Bürgersprechchor und den KULT Schauspielern gemeinsam im Stadttheater vom 22. bis zum 24.4. aufgeführt wird. Auch hier wird anders herum gedacht: Auf der Bühne sitzen die Zuschauer, gespielt, gesprochen und performed wird im Zuschauerraum. Und beim Bürgersprechchor kann jeder mitmachen. Probentermine und nähere Informationen können alle Interessenten von mir erfahren, wenn Sie mir eine mail schreiben oder anrufen: johannes.beissel@furth.de oder Tel. 0911 / 974 2431.

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